Rhönklub Melkers

 



Mythos Alpenüberquerung

Für Menschen, die sich dem Wandern verschrieben haben, gibt es ein Zauberwort: Die Alpenüberquerung. Zwölf Wanderfreunde vom Rhönklub – ZV Melkers hatten ebenfalls diese Vision und waren von der Idee, die höchsten Berge Südeuropas zu Fuß zu überqueren, fasziniert. Nach dem Motto „Wenn nicht jetzt – wann dann ?, ließen sich die „ Alpinisten“ auf dieses Abenteuer ein. Da die Teilnehmer nicht mehr die Jüngsten waren, wurde die komfortable Variante gewählt, nämlich mit Übernachtung und Halbpension im Hotel und mit Gepäcktransport.

Die Tour begann in Gmund am Tegernsee und endete in Sterzing in Südtirol. Es waren sieben Etappentage mit anspruchsvollen Anforderungen zu meistern. Nach einer Übernachtung in Bad Wiessee begann das Abenteuer am 20.August am Nordufer des Tegernsees in Richtung des „Tegernseer Höhenwegs“. Schon bald konnten  herrliche Ausblicke auf den See und die umliegenden Berge bewundert werden, zu Recht zählt dieser Weg zu den schönsten Wanderwegen Deutschlands. In Tegernsee angekommen, war ein Besuch des „Bräustüberls“ im Klosterbrauhaus natürlich Pflicht. Nach einer zünftigen Brotzeit und der Überfahrt  mit der Ruderfähre nach Rottach-Egern begann der Rückweg nach Bad Wiessee ins Hotel. Im Biergarten ließen die  Wanderer den Tag ausklingen.

Am nächsten Morgen begann die anspruchsvolle zweite Etappe, denn es waren 850 Höhenmeter zu bewältigen, zunächst auf einem Forstweg, dann auf schmalem Pfad in Serpentinen über Stock und Stein, immer steil bergan. Der Weg verlief zum Glück in einem schattigen Mischwald und bald war die deutsch-österreichische Landesgrenze, die nur noch durch ein altes Blechschild an einem Baum markiert ist, erreicht.Die Aussicht auf die Bergwelt war einfach grandios und entschädigte für viel Mühe. Und bald schon konnte oben am Berg die urige Blauberg-Alm, das Einkehrziel, gesichtet werden. Nach einer ausgiebigen Rast ging die Wanderung gut gelaunt talwärts Richtung Achenkirch, dem Etappenziel.

An der deutsch-österreichischen Grenze

Der nächste Tag forderte nicht so viele Höhenmeter, dafür wurde Schwindelfreiheit und Trittsicherheit verlangt. Der Weg verlief zunächst zum Achensee, dann über den Geisalmsteig, einem wunderschönen, aber auch anspruchsvollen Panoramaweg, zur Geisalm. Da es die Sonne an diesem Tag besonders gut meinte, konnte dort erst einmal die verbrauchte Flüssigkeit nachgetankt werden. Weiter ging die Tour auf einem Promenadenweg immer am Westufer des Achensees entlang, nach Pertisau zur Mittagsrast. Dann waren noch einmal ca.5km nach Maurach, an der Südspitze des Sees, zurückzulegen. Am späten Nachmittag war dann Fügen im Zillertal erreicht.

Die vierte Etappe begann mit einer Bergfahrt. Die Spieljochbahn brachte die Wanderfreunde auf ca. 1900 m Höhe. Oben angekommen wurden sie von Sonnenschein und angenehmen Temperaturen empfangen. Von dort immer bergan führte der Weg in Richtung Spieljoch auf über 2000 m Höhe. Durch die gute Fernsicht boten die Gipfel der Zillertaler Alpen ein atemberaubendes Panorama – ein überwältigendes Bild. Nach ca. 2 ½ stündigem Wandern auf Kammwegen und an Bergrücken entlang, die mit  Latschenkiefern und Alpenrosen bewachsen waren, war in der Ferne schon Hochfügen zu sehen, das nächste Etappenziel. Doch zunächst war Einkehr im Berggasthof „Loas“ angesagt. Nach deftigen Tiroler Schmankerln und Ausgleich des entstandenen Flüssigkeitsdefizites musste leider viel zu früh der Abstieg ins Tal beginnen, denn es kündigte sich ein Gewitter an.  Der Regen war recht harmlos, erst nach der Ankunft im Hotel brach das Unwetter los. Der kleine Bergbach vor dem Hotel schwoll in kurzer Zeit zu einem reißenden Fluss an. Hochfügen, in einem Hochtal gelegen, besteht nur aus ein paar Hotels und einem riesigen Skigebiet. Im Sommer sieht man hier nur Wanderer und Radfahrer.

Nach einem guten Frühstück am nächsten Morgen, ging es taleinwärts in Richtung Pfundsalm, dem Finsingbach entlang. Über offenes Gelände, stetig bergan steigend, wurde das Sidanjoch erreicht. Vom Kammweg aus, auf fast 2300m Höhe, war schon die Rastkogelhütte zu sehen. Die Freude  auf eine gute Brotzeit war groß, denn die war nach der Bewältigung von ca.900 Höhenmetern an diesem Tag redlich verdient. Der Weg ins Tal, zuerst auf gutem Forstweg bis zum Abzweig Melchboden, dann auf asphaltiertem Fahrweg, war weniger anstrengend. Bei einsetzendem Regen ging es per Bus ins Tal nach Ramsau / Hippach. Von dort war ohnehin die Strecke nach Mayrhofen mit der Zillertalbahn geplant.

Die nächste Tour begann am Schlegeisstausee.  Dort führte  der Weg durch eine wildromantische Gletscherbach-Landschaft. Dieser Wanderweg war bis zur Lavitzalm sehr gut ausgebaut. Auf der Alm gab es eine sehr informative Ausstellung zur Geschichte des Gebietes um das Pfitscherjoch. Dort wurden noch bis Mitte der 1960er Jahre Waren und Vieh zwischen Österreich und Italien geschmuggelt. Auf einem solchen alten Handels-und Schmugglerweg ging die Tour bergauf Richtung Pfitscherjoch. Nebelschwaden umwallten  die Berggipfel und gaben hin und wieder einen Blick von hoch oben in die tiefgelegenen Täler frei. Plötzlich tauchte am Wegesrand auf einer Anhöhe ein eher unscheinbarer Grenzstein auf. Er markiert die Landesgrenze zwischen Österreich und Südtirol/Italien. Das war ein ganz besonderer Moment, wurde  doch hier  Alpenhauptkamm überschritten. Dem Ziel, die Alpen zu überqueren, kam man mit jedem weiteren Schritt näher.

Erst einmal erfolgte eine Einkehr ins Pfitscherjochhaus, nunmehr auf italienischer Seite, ein. Das beliebteste Getränk war der Jägertee, denn das Thermometer zeigte gerade einmal +2 Grad C Außentemperatur in dieser Höhe. Nach einer ausgiebigen Rast begann der Abstieg. Mittlerweile hatte starker Wind eingesetzt. Er begleitete die Gruppe bis zur Baumgrenze, eine wirklich nicht alltägliche Erfahrung. Der Weg führte über einen recht schwierigen Steig, weil der Untergrund rutschig war, lose Steine die Trittsicherheit beeinträchtigten und er kein Ende nahm. Zudem setzte wieder Regen ein. Die Freude war groß, als  endlich  Stein, ein Ortsteil von St. Jakob, erreicht war. Der Stolz darauf, diese Herausforderung so professionell gemeistert zu haben, war groß. Für Wanderer gibt es ja bekanntlich kein schlechtes Wetter, nur schlechte Ausrüstung. Zum Glück gab es im Hotel einen Trockenraum !

Nach dem Abendbrot, bei einem Glas Wein in geselliger Runde, waren alle Widrigkeiten vergessen. Der Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen bescherte uns ein unerwartetes Szenario. Die Berge ringsum waren mit Schnee bedeckt. Noch in der Nacht waren oben am Pfitscherjoch 15 cm Neuschnee gefallen. Den gab es zum Glück am Vortag noch nicht auf unserem Weg. Auf der letzten Etappe waren nur noch wenige Höhenmeter zu leisten. St. Jakob lag hinter uns, und der Weg führte talauswärts am Pfitscherbach entlang, an einigen Bauernhöfen vorbei bis in das Dorf Kematen. Weiter ging es über Fahrstraßen immer oberhalb des Talbodens. Wiesen wechselten sich mit lichten Wäldchen ab. Dann, nach einem Wasserkraftwerk, war der Wanderweg wegen Bauarbeiten gesperrt. Alternative war eine vielbefahrene Bundesstraße, auf der sich langsam  „Pflastermüdigkeit“ breit machte. Die restlichen 5km nach Sterzing wurden  deshalb mit dem Bus gefahren. Das hatte den Vorteil, dass wir mehr Zeit zur Erkundung der kleinen Stadt hatten.

Nach einer Ruhepause im Hotel schlenderten die stolzen Wanderer durch die sehr schöne Altstadt und ließen sich in einem Straßencafe italienische Köstlichkeiten schmecken. Am Nachmittag wurde für alle Alpenüberquerer sogar eine kostenlose Stadtführung angeboten. Am Abend wurden dann durch mich die Urkunden ausgehändigt, was eine große Ehre für mich war. Nun waren alle Teilnehmer „zertifizierte Alpenüberquerer“. Die Gesichter der Wanderfreunde strahlten vor Freude und  Zufriedenheit, aber auch vor Stolz über das Erreichte. In Gesprächen wurde noch einmal an die vergangenen Tage erinnert und eine Frage beschäftigte die Runde: Welches ist das schönste Hobby ? - Wir wissen die Antwort !!! Mit einem guten Südtiroler Wein wurde auf den Erfolg angestoßen und der Abend klang gemütlich aus. 

Diese Wanderwoche war für die Teilnehmer nicht nur ein sportlicher Höhepunkt mit großen Herausforderungen, sie stärkte auch das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewusstsein, füreinander da zu sein und gemeinsam auch schwierige Situationen durchzustehen. Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück und der Fahrt mit dem Shuttlebus nach Bad Wiessee wurde die Heimreise angetreten.

Reinhard Nagler